"Ich wünsche mir einfach wieder einen normalen Theaterbetrieb"

Elisabeth Hirtl

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Viktor Giacobbo 17

Die vielleicht unbekannteste Rolle von Viktor Giacobbo ist die als Unternehmer. Mit zunehmender Erfahrung ist es aber diejenige Rolle, die ihn am meisten erfüllt. Nicht weil er sich zum Unternehmer und Verwaltungsratspräsident berufen fühlt, sondern weil er Nachwuchskünstlern eine Bühne bieten will. Am Wunderraum UnternehmerTalk diskutierte Maria Bassi mit dem Mann hinter dem Rampenlicht.

Noch nie sassen im UnternehmerTalk so viele Persönlichkeiten auf dem Sofa: Harry Hasler, Fredi Hinz, Debbie Mötteli, Dr. Klöti, Erwin Bischofberger, Jakob Liniger, Rajiv Prasad, Sonny Boppeler, Werner Sommerhalder um nur einige zu nennen. Doch für einmal stand nicht der Komiker und Satiremacher im Fokus, sondern der Unternehmer Viktor Giacobbo, der gemäss seiner eigenen Website Berufsbezeichnungen sammelt. „Puffmutter des Schweizer Humors“ hast du vergessen, ergänzt er auch gleich die Begrüssung und Vorstellung durch Elisabeth Hirtl, wobei diese Bezeichnung nicht von ihm, sondern von Gabriel Vetter stamme. „Mir gefällt diese Rolle besonders gut, auch wenn sie sich natürlich nur bedingt für die Steuererklärung eignet“ fügte er hinzu. „War das der Grund, dass du das Casinotheater Winterthur ins Leben gerufen hast? Damit du diese Rolle noch besser ausleben kannst?“ knüpfte Maria Bassi an. Anstelle einer geschliffenen Entstehungsgeschichte nennt Viktor Giacobbo „eine naive Idee“ als Hauptmotiv für die Gründung des Theaters, das seinen Künstlern gehört und sich in einem anspruchsvollen Markt seit bald zwei Jahrzehnten ohne Subventionen behauptet.

Eintrittsticket Rampensau

Stolz und bescheiden zugleich erzählt er, wie aus der Idee, dem leerstehenden Haus mit 160-jähriger Geschichte neues Kulturleben einzuhauchen, ein Theater entstand, das heute über die Kantons- und Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Nicht nur die Entstehungsgeschichte ist speziell, sondern auch die Machtverhältnisse. Damit das Casinotheater seiner Mission – „von Künstlern für Künstler“ – treu bleibt, haben Künstler-Aktionäre beispielsweise mehr Stimmrecht. „So viele Künstler und starke Persönlichkeiten unter einem Dach – wie geht man mit unterschiedlichen Vorstellungen um?“ hakt Maria Bassi nach. Dass das Casinotheater von grösseren Interessenskonflikten verschont blieb, ist nicht nur der Betriebskultur zu verdanken, sondern auch den vorausschauend definierten Strukturen. So ist die Trennung der Betriebsführung und der künstlerischen Leistung nicht nur ein wichtiges Symbol für Unabhängigkeit, sondern auch ein Garant dafür, dass Künstler und Programme unabhängig von den Besitzverhältnissen auf die Bühne kommen. Mit dem Format Rampensau, das einmal pro Monat stattfindet, können unerfahrene Künstler beispielsweise erste Erfahrungen vor Publikum sammeln. Natürlich ist das auf kurze Sicht nicht lukrativ, aber es ist der Beginn von vielen Komiker-, Satire- und Slam Poetry-Karrieren in der Schweiz. Dass die Förderung von künstlerischem Nachwuchs Viktor Giacobbo besonders am Herzen liegt, kommt im Gespräch an mehreren Stellen deutlich zum Vorschein. Es sind die Momente, wo das Publikum spürt, dass Sie bisher nur eine Facette von Viktor Giacobbo kannten.

Die richtigen Menschen vor und hinter der Bühne

Wer allerdings denkt, dass sich Viktor Giacobbo vor allem als Talent-Scout mit üppiger Entourage und angeschlossenem Restaurant versteht, liegt falsch. Ganz nebenbei sagt er Sätze, die genauso ein Betriebswirtschaftslehrbuch zieren könnten. Auf die bald 20-jährige erfolgreiche Geschichte des Casinotheaters angesprochen winkt er fast verlegen ab: „Das einzige, was ich für mich in Anspruch nehmen kann, ist dass ich sehr gute Leute gefunden habe, die dann konsequenterweise auch etwas zu sagen haben müssen.“ Dass die Menschen das Erlebnis Casinotheater ausmachen, gilt aber nicht nur für den Theaterbetrieb. „Alle bis zum Casserolier müssen wissen, was wir machen und wofür wir stehen.“ Fast schon herrlich erfrischend ist die Tatsache, dass Viktor Giacobbo nie die grossen Schlagworte des digitalen Zeitalters wie Innovation, Fehlerkultur oder Agilität in den Mund nimmt. „Unser neue Geschäftsführer Beat Imhof musste zuerst radikal entrümpeln. Plötzlich sassen nur noch Gäste in meinem Alter im Restaurant. Das geht doch nicht.“ Neue Wege beschreitet das Casinotheater auch, was die Finanzierung betrifft. „Dass unser Modell Künstler zu Mitbesitzern macht, hat viele Unternehmer angesprochen und dazu motiviert, uns zu unterstützen. Für uns sind sie nicht bloss Sponsoren sondern „Freunde“ und damit wichtige Weggefährten, zu denen wir einen engen Kontakt pflegen.“

Nicht geplant, sondern einfach nötig

Während des Gesprächs wird immer deutlicher, dass die vermeintliche Zufälligkeit in Viktor Giacobbos Karriere als Unternehmer in Wahrheit eine Kombination aus Leidenschaft, Feingespür und unkonventionellem Tatendrang ist. „Meine Figuren waren nicht immer geplant, sie waren manchmal einfach nötig.“ So ist etwa der liebenswürdig naive Junkie Fredi Hinz entstanden. Beim Dreh eines Beitrags zum Thema „Finanzspritze“ suchte er genau diese Person, konnte sie aber auf die Schnelle nicht finden. Also ist Viktor Giacobbo selbst in diese Rolle geschlüpft.

Wer an diesem Abend auf grosse Pointen aus war, wartete vergebens, bekam dafür aber sehr ehrliche und reflektierte Einblicke eines Menschen, der auf allen grossen Bühnen und Bildschirmen zu Hause war, sich selbst aber nie allzu ernst genommen hat. Spätestens bei der Schlussfrage, was sein grösster offener Wunsch sei, wird den Anwesenden bewusst, dass Viktor Giacobbo Herzblut Unternehmer mit Bodenhaftung ist: „Ich wünsche mir einfach wieder einen normalen Theaterbetrieb“.

 

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