02. September 2021

Gesunde Arbeit an dritten Orten

Elisabeth Hirtl

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gesunde Arbeit an dritten Orten

Noch nie in der Geschichte war die Zeit günstiger und die Bereitschaft grösser, neue Arbeitsformen erfolgreich umzusetzen. Coworking Spaces könnten dabei eine grosse Rolle spielen. In der Diskussion rund um New Work gehen sie jedoch oft vergessen. Dabei ist das Chancenpotenzial von Coworking gross, wie eine neue Studie belegt.

Von Claudia Hiestand

Nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit wird in den Unternehmen darüber diskutiert und in den Medien darüber spekuliert, ob und wie viele Mitarbeitende wieder zurück ins Firmenbüro wollen, oder ob das Homeoffice allenfalls zur neuen Arbeitsnormalität wird. Die Berichterstattung wägt jedoch nur zwischen Büro und Homeoffice ab und verkennt dabei das Potential dritter Orte.

Dritte Arbeitsorte: sowohl Rückzugsort als auch Innovationsherd

Tatsächlich haben wir uns alle ans Homeoffice gewöhnt. Angestellte wie Firmen schätzen die Vorteile, und kaum jemand kann sich den Weg zurück zur typischen Fünf-Tage-Bürowoche noch vorstellen. Viele Unternehmen haben ihren Mitarbeitenden flexible Arbeitsmodelle zugesichert, und einige haben das Homeoffice zum neuen Standard erklärt. Studien belegen es denn auch: Mitarbeitende möchten auch in Zukunft unabhängig von der Pandemie vermehrt von zu Hause aus arbeiten.

Dass bei der Gestaltung der zukünftigen Zusammenarbeit dritte Orte wie Coworking Spaces kaum in die strategischen Überlegungen von Firmenchef:innen einfliessen, ist erstaunlich. Denn durch die einseitige Betrachtung von Büro versus Homeoffice verkennen Entscheidungsträger:innen alternative Arbeitsorte und damit verbunden neue innovative Lösungsansätze. Dabei liegen die Vorteile von Arbeiten im Coworking Space klar auf der Hand. Dies zeigt eine neue Studie des Coworking Instituts  im Auftrag des Schweizer Versicherungskonzerns Visana. Sie erachtet das Chancenpotenzial von Coworking in Bereichen wie Autonomie, Inspiration, Eigenverantwortung, Produktivität, Innovation, Motivation oder Zufriedenheit als gross.

Coworking stärkt die soziale Gesundheit

Arbeiten im Homeoffice ist längst nicht für alle Menschen ideal. Die permanente Vermischung von Arbeits- und Privatleben empfinden viele Menschen als belastend. Ausserdem verfügen nicht alle Arbeitnehmenden daheim über eine professionelle Infrastruktur und vermissen den Austausch mit ihren Teamkolleg:innen und das Eingebettetsein in eine soziale Gruppe. Gleichzeitig schätzen sie es, auf das zeitraubende und oft auch stressige Pendeln zum Arbeitsort verzichten zu können und dadurch mehr Zeit für Freizeitaktivitäten, Familie und Freunde zu haben.

Coworking Spaces bieten eine sinnvolle Alternative, um diesen Spagat zu meistern. Das grösste Plus gegenüber dem Homeoffice: Coworking Spaces stärken die soziale Gesundheit. In die Community des Spaces eingebettet zu sein, tut gut. Die zufälligen Begegnungen und der informelle Austausch mit anderen ermöglichen spannende Lernerfahrungen und sind inspirierend. Diese Horizonterweiterung ist nicht nur in Bezug auf die persönliche Weiterentwicklung des Mitarbeitenden wertvoll, vielmehr ist das Aufeinandertreffen von unterschiedlichem Wissen aus unterschiedlichen Branchen letztlich auch für den Arbeitgeber bedeutsam.

Neues Verständnis von Führung entwickeln

Verpassen wir also nicht die Chance, flexibles Arbeiten grösser zu denken und nicht bloss eine Mischform von Homeoffice und Corporate Office in Betracht zu ziehen. Für eine Tätigkeit, so eine der Haupterkenntnisse aus der Studie des Coworking Instituts im Auftrag von Visana, sollte nämlich derjenige Ort gewählt werden, der am besten zu ihr passt. Und das ist bei Weitem nicht immer das Homeoffice oder das Firmenbüro. So sind Coworking Spaces für Deep Work, Deep Collaboration oder für Tätigkeiten zur Reproduktion oder Rekreation geradezu prädestiniert.

Tatsächlich ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass Unternehmen an Einfluss verlieren, wenn sie ihren Angestellten das Arbeiten im Coworking Space ermöglichen. Andererseits senden sie dadurch ein Signal des Vertrauens und der Wertschätzung aus. Der viel grössere Gestaltungsspielraum des einzelnen Mitarbeitenden bedingt demnach ein ganz neues Verständnis von Führung. Und was ebenso wichtig ist: Dezentrales Arbeiten setzt voraus, dass die Mitarbeitenden sich selbst managen können. Das heisst nichts anderes, als dass sie in der Lage sein müssen, ihre Arbeitsziele zu erreichen und gleichzeitig für ihre physische und psychische Gesundheit zu sorgen.

Flexibles Arbeiten, wie es beim Coworking geschieht, erfordert also von allen Beteiligten die Bereitschaft für eine fundierte Reflexion über das Zusammenspiel unterschiedlicher Arbeitsformen und Arbeitsorte. Die dazu erforderlichen Rahmenbedingungen müssen Arbeitgebende und Arbeitnehmende partnerschaftlich und in einem offenen Dialog aushandeln. Das gelingt dann, wenn eine Firmenkultur vorhanden ist, die von Eigenverantwortung und gegenseitigem Vertrauen geprägt ist.

Wohlbefinden und Output gehen Hand in Hand

Tatsache ist: Es gibt kein Zurück in die Arbeitswelt vor Covid-19. Zwar beschäftigt uns das Thema New Work schon seit Längerem, die entsprechende Transformation und Implementierung spielten sich jedoch sehr zögerlich ab und waren stark Technologie getrieben. Die Pandemie hat den Wandel beschleunigt und Unternehmen quasi über Nacht dazu gezwungen, sich mit der neuen Arbeitswelt in all ihren Facetten zu beschäftigen – von der Unternehmenskultur über Arbeitsräume bis hin zum digitalen Arbeitsplatz.

«Jene Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden die Wahl zwischen Büro, Homeoffice und Coworking Space anbieten, übernehmen nicht nur Verantwortung für ein professionelles Arbeitsumfeld ausserhalb des Corporate Office, sondern investieren gleichzeitig in das individuelle Wohlbefinden der Mitarbeitenden», so das Fazit von Studienleiterin Barbara Josef. «Denn sowohl die gelebte Vertrauenskultur als auch die Wahlfreiheit und die damit verbundenen Handlungsoptionen haben positive Effekte auf eben dieses Wohlbefinden und damit auch auf das Ergebnis der Arbeit und Zusammenarbeit.»

Lust auf mehr bekommen? Hier kannst du die Studie des Coworking-Institutes, die im Auftrag von Visana entstanden ist, lesen

 

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Coworking in die Praxis tragen

Weil sich im deutschsprachigen Raum keine wissenschaftliche Institution der Erforschung des Themas Coworking widmet, gründeten die drei Unternehmerinnen Elisabeth Hirtl und Maria Bassi von der Wunderraum AG  und Barbara Josef von der 9to5 AG  anfangs 2021 eine entsprechende Plattform: das Coworking Institut. Ihr Ziel ist es, das Thema Coworking aus der Perspektive von Individuen, Unternehmen und Gesellschaft weiterzuentwickeln und erfolgreich in die Praxis zu transferieren. Die drei Initiantinnen tragen damit dazu bei, die noch junge Forschungsdisziplin Coworking weiter auszuleuchten, Praxiswissen zur Verfügung zu stellen und die einzelnen Akteure miteinander zu vernetzen.

Mehr Infos unter www.coworking-institut.com

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